6. Juni 2020

Schwer abschätzbare Folgen?

Die Zukunft unserer Kinder und die ihrer Kinder droht von humanitären Katastrophen, Kriegen um Ressourcen und von Flucht geprägt zu werden

Gelegentlich geht uns der Blick für Fakten verloren. Das geschieht beispielsweise durch Gerüchte wie bei jenem, das behauptet, die globale Erwärmung sei nicht vom Menschen verursacht. Das hilft bestenfalls denen, die ihre Glaubenssätze nicht verteidigen, weil sie von deren Wahrheit überzeugt sind, sondern weil sie diese Wahrheit einmal behauptet haben. Dafür kann man rein menschlich Verständnis haben. Muss man aber nicht, besonders dann nicht, wenn man zu den Menschen gehört, die heute etwa zwischen fünf und zwanzig Jahren alt sind.

Im Jahr 2050 wird die Generation Z in der Blüte ihres Lebens stehen. Diese Menschen werden Kinder haben und sich um ihre Eltern kümmern. Sie werden aber kaum noch so leben können wie die Menschen heute (ohne Corona).

In meinem Buch „Jäger der Angst“ habe ich auf den Seiten 69/70 folgendes Szenario beschrieben:

…mit der Priorisierung des Lebens rückten die Mitglieder dieser Generation die Natur als das All-Umfassende wieder eindeutig in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses. Um ihren berechtigten Forderungen entsprechend Nachdruck zu verleihen, gingen sie deshalb schon als Schüler zum Protestieren auf die Straße und es bestand von Anfang an ernsthaft kein Zweifel an der Legitimation dazu. Denn es ging um nichts Geringeres als die Transformation der Gesellschaft im Angesicht einer bedeutenden Krise, namentlich der Klimakrise. Ihre Zukunftsaussichten, die damals von zahlreichen wissenschaftlichen Studien richtig beschrieben wurden, empfand die Generation Z schlichtweg als Zumutung.

Trotzdem wurde zunächst global weiter Klimapolitik betrieben und mit den Ressourcen für die Energiebedürfnisse der Menschheit umgegangen, als wären alle nur unbeteiligte Zuschauer. Die Verantwortungsdiffusion griff um sich. Staaten, Organisationen, Individuen: Alle wollten, dass erstmal die anderen handelten. Die Mitglieder der Generation Z ahnten jedoch, dass sie Gefahr liefen, in circa fünfzig Jahren ihren siebzigsten Geburtstag in einer Welt feiern zu müssen, die nicht nur mit den enormen finanziellen Folgen des Zerbrechens der Ökosysteme zu kämpfen hätte. Ihre Zukunft und die ihrer Kinder würde geprägt sein von humanitären Katastrophen, Kriegen um Ressourcen und von Flucht. Dabei waren sich viele von ihnen noch nicht einmal sicher, ob sie bei dieser Aussicht überhaupt Kinder wollten. Denn ein Planet B war zu der Zeit noch nicht in Sicht.

Das waren die Szenarien, die die Menschen hinter der wissenschaftlichen Formulierung ‚schwer abschätzbare Folgen‘ vermuteten. Sie beschrieben nicht weniger als den Zusammenbruch der Zivilisation. Sie malten zu Beginn des Jahrhunderts ein düsteres Bild von ihrem Leben in wenigen Jahrzehnten, sollte die Politik die dringend notwendige Veränderung nicht sehr bald einleiten.

Was aber steht eigentlich genau zu befürchten und was kann noch dagegen unternommen werden?

Wenn wir nichts tun, sieht’s so aus

Aus dieser Einschätzung werden Forderungen nach schnellen und dramatischen Veränderungen in Wirtschaft, Politik und Verbraucherverhalten abgeleitet. ‚Fridays for Future‘ schrieb schon im vergangenen Jahr auf seiner Internetseite:

„Die Klimakrise ist eine reale Bedrohung für die menschliche Zivilisation – die Bewältigung der Klimakrise ist die Hauptaufgabe des 21. Jahrhunderts. Wir fordern eine Politik, die dieser Aufgabe gerecht wird.“ Und etwas später heißt es: „Über 27.000 Wissenschaftler allein im deutschsprachigen Raum stehen hinter uns und unterstützen unsere Forderungen. Wir fordern von der Politik nicht mehr als die Berücksichtigung wissenschaftlicher Fakten.“

Um die Katastrophe und den Untergang der Zivilisation zu verhindern, müssten innerhalb weniger Jahre die Energieproduktion, die Mobilität und der gesamte Konsum überall auf der Welt ökologisch umgestaltet werden. In einer gewaltigen koordinierten Kraftanstrengung aller Regierungen, aller Wirtschaftsteilnehmer und aller Konsumenten müsste eine Neuausrichtung des Umgangs der Menschen mit den natürlichen Ressourcen und der Umwelt erfolgen. Müssten, müsste…

Gerade Politiker erwecken gerne den Eindruck, es werde doch schon viel gegen den Klimawandel getan – meist verbunden mit dem Hinweis, dass der CO2-Ausstoß seit 1990 zurückgegangen sei. Das ist eine falsche Darstellung. Bis heute nimmt die Menge an Kohlendioxid zu, das Jahr für Jahr weltweit ausgestoßen wird. Insbesondere in China sind die Emissionen seit dem Jahr 2000 stark gestiegen. Immerhin ist die weltweite Emission von Kohlenstoffdioxid (CO2) in 2019 langsamer angestiegen als in den Vorjahren. Dies geht aus einer aktuellen Studie des internationalen Forscherverbunds Global Carbon Project hervor. Demnach nahm der Ausstoß des klimaschädlichen Gases mit knapp 37 Milliarden Tonnen weltweit um 0,6 Prozent in 2019 zu. Im Jahr davor lag der Anstieg bei 2,1 Prozent, in 2017 bei 1,5 Prozent.

Ja, in der Corona-Krise ist der weltweite CO2 -Ausstoß durch die Maßnahmen vieler Staaten zur Eingrenzung der Epidemie (Lockdown) deutlich gesunken – in Deutschland phasenweise um ein Viertel. Für 2020 sagt ein Forscherteam der englischen University of East Anglia einen Rückgang der globalen Emissionen um 4,2 bis 7,5 Prozent voraus – je nachdem, wie schnell die Maßnahmen wieder gelockert werden. Damit wäre aber trotzdem erst das Niveau von 2006 wieder erreicht. Und das wohl auch nur vorrübergehend.

Denn man kann es zwar beim ökologischen Blick an den Himmel schön finden, dass keine Kondensstreifen zu sehen und die Straßen leer sind – man kann andererseits aber auch nicht einfach die Wirtschaft beenden und allein hierzulande zehn Millionen Menschen mit Arbeitslosigkeit bedrohen (die Kurzarbeiter nämlich), wenn man die Welt verbessern will. Was man ökonomisch braucht, um in Umweltfragen weiterzukommen, ist vielmehr ein Strukturwandel, verbunden mit einer Politik, die für Vollbeschäftigung sorgt. Aber auch hier gilt: flatten the curve, damit nicht zu viele Jobs in zu kurzer Zeit verloren gehen. Das würde die Sozialsysteme und das politische System überfordern.

In puncto Gesundheit sollte uns die Corona-Krise eigentlich Hinweis genug darauf sein, den Klimawandel mit allen Mitteln zu bekämpfen. Denn Dürren und Hitzewellen werden die Gesundheit der Menschen zunehmend beeinträchtigen, vor allem in Europa und den Mittelmeerländern. Weil Pflanzen anders blühen und Arten in neuen Regionen heimisch werden, sind mehr Allergien zu erwarten. Erreger von Infektionskrankheiten und potenziell gefährliche Mikroorganismen werden sich weltweit ausbreiten und eine wachsende Bedrohung für unser Immunsystem darstellen. Wenn Bakterien, Viren oder Pilze in den Körper eindringen, kann dies zu Funktionsstörungen und Krankheiten führen. Das betrifft Menschen aller Altersgruppen in allen Ländern. Besonders leidtragend jedoch werden die Kinder kommender Generationen sein. Denn Kinder sind besonders anfällig für die Gesundheitsrisiken eines sich wandelnden Klimas, weil sich ihr Körper und ihr Immunsystem erst noch entwickeln.

Es gibt viele Uneinsichtige, die mit einem abgeklärten „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird“ auf diese Entwicklungen reagieren. Sie verweisen mit Blick auf den technologischen Fortschritt gerne darauf, dass am Ende den Menschen immer noch etwas eingefallen ist, um die Folgen ihres eigenen unbedachten Handelns beherrschbar zu machen. Das mag sein. Man sollte dabei aber auch die höchst wahrscheinlich auftretenden (sowohl denkbaren als auch überraschenden) Nebenwirkungen im Auge behalten, mit denen stets zu rechnen ist, wenn Menschen an Symptomen herumdoktern. Ich fürchte unabhängig davon, dass in diesem Fall die Menschheit schon längst damit begonnen hat, die Dinge ziemlich heiß in sich hineinzufressen. Oder dass sie, um ein anderes Bild zu bemühen, das als solches natürlich immer zweifelhaft ist, schon ein erstaunlich halbgarer Frosch im sich langsam erhitzenden Wasser ist.

Klingt nach Dystopie. Vielleicht. Im Mai vergangenen Jahres erst kamen namhafte australische Wissenschaftler in einer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass eine Erwärmung der Erde um 3 Grad bis 2050 überhaupt nicht unwahrscheinlich ist und dass bereits bei einem weiteren Grad mehr die Erhaltung einer globalen organisierten menschlichen Gemeinschaft nicht mehr möglich sei.

Zu Jahresbeginn schrieb der Kabarettist Marc-Uwe Kling auf Facebook:

„Ja, wir könnten jetzt was gegen den Klimawandel tun, aber wenn wir in 50 Jahren feststellen, dass sich alle Wissenschaftler vertan haben und es gar keine Klimaerwärmung gibt, dann hätten wir ohne Grund dafür gesorgt, dass man in den Städten die Luft wieder atmen kann, dass die Flüsse nicht mehr giftig sind, dass Autos weder Krach machen noch stinken und dass wir nicht mehr abhängig sind von Diktatoren und deren Ölvorkommen. Da würden wir uns schon ärgern.“

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Update 1 (24.06.2020)

Sehr ernüchternde Meldung in der FAZ vom 22.06.2020: „Die Leistung der EU beim Klimaschutz hat laut Eurostat in den vergangenen Jahren stagniert. Die Union sei demnach nicht auf dem Weg, das Ziel von 40 Prozent weniger Treibhausgasen bis 2030 im Vergleich zu 1990 zu erreichen, heißt es in einem am Montag veröffentlichten Bericht des EU-Statistikamtes in Luxemburg zu den UN-Nachhaltigkeitszielen. Grundlage waren Daten von 2013 bis 2018.“

Hier der Bericht von Eurostat in komprimierter Form: Eurostat Sustainability Report 2020

Reality-Check - Klimakatastrophe in 2050: +++

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Update 2 (02.07.2020)

Zehntägige Prognose für Arktis-Temperaturen am 01. Juli. Rot: über 25 Grad Celsius. Bild: Climate CHange INstitute

Auch die aktuellen Nachrichten aus Berlin bringen uns näher an das Worst-Case-Szenario: Der Bundestag wird am 03.07.2020 das Kohleausstiegsgesetz in der geplanten Form verabschieden – und damit den nachfolgenden Generationen einen Bärendienst erweisen, sowie eine untote und umweltfeindliche Industrie noch einmal kräftig pampern.

2038 ist viel zu spät!!!

Die geplanten Emissionsziele bedeuten nämlich, dass nach den Vorstellungen der Bundesregierung allein der Energiesektor bis 2030 noch rund 2,5 Milliarden Tonnen Treibhausgase in die Luft blasen und dann noch nicht einmal aufhören wird.

Selbst 2030 ist zu spät!

Damit könnte selbst das weniger ehrgeizige 1,75-Grad-Celsius-Ziel, bei dem zum Beispiel weltweit alle Korallenriffe in den tropischen Meeren absterben werden, nur noch dann eingehalten werden, wenn ab sofort der Verkehr und die Gebäudeheizungen, die Stahl-, Zement- sowie die Chemieindustrie als auch die Landwirtschaft keine Treibhausgase mehr emittieren würden. Doch damit ist wohl eher nicht zu rechnen.

Reality-Check - Klimakatastrophe in 2050: ++

Dass es auch anders geht, beweist zum Beispiel Spanien: In dieser Woche geht die Hälfte der spanischen Kohlekraftwerke vom Netz. Der Rest folgt wohl bis 2025. Grund ist die fehlende Wirtschaftlichkeit.

Reality-Check - Klimakatastrophe in 2050: --

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Update 3 (17.07.2020)

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Update 4 (11.08.2020)

Der Weltklimarat IPCC hat im Jahr 2005 verschiedene Prognosen darüber aufgestellt, wie sich das Klima in den kommenden Jahrzehnten unter verschiedenen Umständen entwickeln könnte. Das Worst-Case-Szenario, also der schlechteste anzunehmende Fall, genannt ‚RCP 8,5‘, wurde von Kritikern lange Zeit als irreführend und alarmistisch abgetan.

Inzwischen wird allerdings immer deutlicher, dass es sich bei diesem Szenario wohl doch eher um das realistischste von allen handelt. Denn der tatsächliche Kohlendioxidausstoß der vergangenen 15 Jahre passt am ehesten zu dieser besonders düsteren Prognose. Wissenschaftler um Christopher Schwalm vom Woods Hole Research Center in Falmouth, USA, berichten, dass die Abweichung zwischen der RCP 8,5-Prognose und den tatsächlichen Emissionen in den Jahren 2005 bis 2020 nur bei etwa einem Prozent liege. Sie sind davon überzeugt, dass sich der Abstand der Realität zum Katastrophenszenario selbst dann nicht verringern wird, wenn Staaten ihre Selbstverpflichtungen zum Umweltschutz einhalten. Sollten die Staaten ihre bisher angekündigten Maßnahmen nicht nachbessern, könnten sich die Werte bis 2050 eher noch weiter Richtung RCP-8,5 entwickeln, so die Forscher.

Quelle: Proceedings of the National Academy of Sciences

Reality-Check - Klimakatastrophe in 2050: +++

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2 Comments

  • Ich kenne wirklich keinen einzigen Autor, und ich habe schon viele Bücher gelesen, der den Inhalt seiner Bücher auch nach Veröffentlichung noch im Internet mit aktuellen Ereignissen in Verbindung bringt und so den Leser weiter fundiert und kritisch begleitet.
    Großes Lob für den Autor Klaus Wichert 👍👋👑

    • Vielen Dank. Die Begleitung ergibt sich quasi zwangsläufig. Denn ich möchte schon sehen, ob überhaupt und wenn ja, wann und wie lange die Realität meine Science-Fiction einholt. Im Augenblick kann ich noch keine Abweichungen erkennen. Denn auch Corona wird die Klimakatastrophe nicht aufhalten, solange es uns nicht gelingt, den Blick auf das Grundsätzliche zu richten und nicht länger an den Symptomen herumzudoktern.

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