3. Juni 2020

Gemeinwohl-Ökonomie

Es gilt, die Teilhabe der Menschen am Produktivitätsfortschritt zu sichern und dauerhaft wirtschaftliches Gleichgewicht und Geldwertstabilität zu erreichen

Gleich einem Spotlight beleuchtet das Corona-Virus derzeit alle Schwachstellen unserer Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die dominiert wird von einem neoliberalen Wirtschaftssystem. Es gibt keine einheitliche Definition des Neoliberalismus, aber in der Praxis teilen alle seine Vertreter folgende These: Macht und Einfluss (= Geldmittel) des Staates, sind aufs Notwendigste zu beschränken – der Markt regelt, unter dem Credo ‚Privatisierung, Steuersenkungen und Abbau des Sozialstaats‘, fast alles besser.

Das wird nun durch Corona widerlegt: China oder Singapur, Länder also, wo der Staat mehr Einfluss besitzt als uns hierzulande lieb sein kann, haben die Corona-Krise erfolgreich überwunden – die Gesundheits- und Sozialsysteme der meisten westlichen Industriestaaten und sämtlicher Schwellenländer wurden hingegen so geschwächt, dass uns Corona jetzt vorführt. Die Schwächung der Sozialsysteme wird die Krise verschärfen und die Erholung erschweren. Die Schwächung der Gesundheitssysteme überträgt sich direkt proportional auf die Wirtschaft.

In Deutschland, aber auch in Österreich und den Niederlanden, fällt uns jetzt die ‚Lohnzurückhaltung‘ der vergangenen zwei Dekaden gleich doppelt auf die Füße. Denn was uns den unrühmlichen Titel des Export-Überschuss-Weltmeisters eingebracht hat, bekommen wir nicht nur mit dem Ausfall der Auslandsnachfrage nach unseren Produkten zu spüren. Mit den Löhnen ist überdies Europas Kaufkraft massiv zurückgegangen.

Egal jedoch, ob wie in Deutschland der Staat durch ein systemisch fehlgeleitetes Verständnis von volkswirtschaftlichem Sparen zur Privatisierung und damit zur Schwächung des Gesundheitssystems beigetragen hat oder wie in den USA der Staat mit den entsprechenden Kürzungen im Sozialsystem nur die Steuersenkungen für die Unternehmen gegenfinanziert hat. Letzten Endes werden wir Krisen wie diese nur dann meistern, wenn wir uns als Teil des Ganzen verstehen und deshalb dem Erhalt der Natur den Vorrang vor wirtschaftlichen Fragen einräumen. Denn nur in einem gesunden Klima wird auch die Menschheit insgesamt ihr gesundes, abwehrstarkes Immunsystem zurückgewinnen, das die Natur über Jahrmillionen für uns entwickelt hat.

Spätestens dann, wenn wir soweit sind, wird sich unser Finanz- und Wirtschaftssystem dem Gemeinwohl verpflichten müssen und nicht länger nur einer elitären Minderheit. Deren Habgier steuert unsere Gesellschaft über den umweltzerstörenden Wachstumszwang nur in immer neue finanzielle Abhängigkeiten – ohne Rücksicht auf das Leben und den Menschen.

In meinem Buch „Jäger der Angst“ habe ich mehrfach, speziell jedoch auf Seite 155 mit Hinweis auf das Glossar, auf mein Modell einer Gemeinwohlökonomie hingewiesen. Es ist mir ein wichtiges Anliegen, Interessierten hier die Möglichkeit zu bieten, eine ausführlichere Beschreibung des Konzepts zu lesen. Es zeigt im Kern, wie der Staat unter Beachtung der gesamtwirtschaftlichen Logik die Volkswirtschaft in der Weise steuert, dass die Teilhabe der Menschen am Produktivitätsfortschritt gesichert ist und dauerhaft wirtschaftliches Gleichgewicht und Geldwertstabilität erreicht wird.

Hierbei handelt es sich nicht um eine fein detaillierte architektonische Grundidee als Vorlage für ein alternatives System mit Funktionsbeschreibungen für alle Eventualitäten. Als Nächstes würde man dann wahrscheinlich von mir ein perfekt durchdachtes Programm verlangen, wie dieses System – nach erfolgreichen Tests – reibungslos ins Leben gerufen werden und für die nächsten einhundert Jahre Bestand haben soll. Historisch gesehen kann man das alles nur als Nonsens bezeichnen. Wann gab es jemals einen sozialen Wandel nach irgendjemandes Blaupause? Die Transformation der globalen Gesellschaft ist unmöglich zu planen. Es ist eine Gleichung mit unendlich vielen Unbekannten. Aber müssen wir denn unbedingt wissen, wie das Ergebnis im Einzelnen aussehen wird? Könnten wir es überhaupt? Sollten wir nicht besser einfach anfangen?

Hier ist eine Idee: Gemeinwohlökonomie 2126

 

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Update 1 (09.07.20)

Was bedeutet es, wenn schon Albert Einstein sagt, der Mensch ist ein Teil des Ganzen, das wir Universum nennen, ein in Raum und Zeit begrenzter Teil. Er erfährt sich selbst, seine Gedanken und Gefühle als abgetrennt von allem anderen – eine Art optische Täuschung des Bewusstseins?

Nun, das weist für mich darauf hin, dass wir nicht getrennt sind von der Existenz um uns herum und dass deswegen alles, was wir tun, in irgendeiner Form auf uns zurückfällt. Je mehr wir also der Natur, in der wir und von der wir leben, in unserer Unbewusstheit Schaden zufügen, desto mehr schaden wir uns selbst. Das gilt durchaus auch für größere Zusammenhänge, etwa für die Art unseres Wirtschaftens.

Raubbau an der Natur, egal wo auf der Welt und aus welchem ökonomischen Grund, erreicht uns mit seinen Folgewirkungen auch hier in Europa. Und das nicht nur wie man denken könnte durch eine Klimaveränderung. Es gibt auch viele Dinge, die wir tun, um die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von pandemie-verursachenden Krankheitserregern zu erhöhen. So nutzen die Menschen seit einigen hunderten Jahren immer mehr Land, aber diese Landnutzung hat sich in den letzten hundert Jahren signifikant beschleunigt. Manchmal ist diese Expansion das Ergebnis eines Krieges, der nicht selten wirtschaftlich begründet ist.

Wir vergrößern unsere Städte, vernichten Wälder und formen das Land für die Massentierhaltung um. Dabei wird die Entwaldung nicht nur durch die Landwirtschaft vorangetrieben. Die Nachfrage nach den Metallen, die unsere Handys und Computer antreiben, hat ebenso dazu geführt, dass immer mehr Land gerodet wird, um Platz für den Bergbau zu schaffen.

Wissenschaftler haben jetzt folgendes herausgefunden: Mit der Vernichtung von Lebensraum für Wildtiere erhöht sich die Wahrscheinlichkeit merklich, dass Krankheitserreger, die im Inneren von Tierkörpern leben, ihren Weg in den menschlichen Körper finden. Und das liegt daran, dass die Tiere am Ende viel näher bei uns leben. Aber in vielen Fällen überleben diese Tiere den Eingriff des Menschen in ihren Lebensraum gar nicht. Für die meisten von ihnen ist die größte Lebensbedrohung nämlich nicht die Umweltverschmutzung oder die Bejagung – es ist der Verlust ihres Lebensraums schlechthin. Und eine verschwindende Spezies schafft eine andere Gelegenheit für zoonotische Krankheiten, auf den Menschen überzuspringen:

 

Es ist nur ein schwacher Trost, dass der Mensch lernfähig ist, solange er nicht bereit ist, die Ursachen anzugehen.

Reality-Check - Nachhaltiges Wirtschaften ab 2030: ---

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