28. Mai 2020

Sparende Unternehmen

Wenn niemand sonst mehr Schulden machen will, bleibt einfach nur noch der Staat. So ist die gesamtwirtschaftliche Logik.

Im Zuge der europäischen Rettungsmaßnahmen für die von der Corona-Krise besonders hart betroffenen Regionen der EU kommt Widerstand von Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz gegen die expansive Geldpolitik der Gemeinschaft. In einem Interview mahnt er heute mit Blick auf die Tragfähigkeit der europäischen Schulden an:

„Es gibt viele Länder, die trotz eines hohen Wirtschaftswachstums Defizite zustande gebracht haben. Das kann langfristig nicht funktionieren. Wenn wir dort nicht die Trendwende schaffen, dann können wir in eine Situation kommen, wo noch nicht einmal mehr Deutschland die Europäische Union retten kann.“

Wie recht er hat, mag er ja vielleicht noch ahnen. Warum das sogar eine Zwangsläufigkeit ist, dazu schweigt aber auch er.

Ich aber nicht. Denn für mich handelt es sich hierbei um ein glattes Systemversagen. Deshalb habe ich es in meinem Buch „Jäger der Angst“ auf Seite 81/82 wie folgt beschrieben:

„Spätestens zur Jahrtausendwende [“, so die Künstliche Intelligenz im Jahre 2126 über die Zustände auf der Erde zu Beginn des 21. Jahrhunderts „] brauchte allerdings niemand mehr darüber zu philosophieren, ob und wie schnell der Staat ‚die guten Zeiten‘ nutzen sollte, um seine Verschuldung in Grenzen zu halten. Es gab die guten Zeiten einfach nicht mehr. Die Unternehmen waren so stark und so einflussreich geworden, dass sie sich in Summe nicht mehr in die Position des Schuldners zurückdrängen ließen. Als direkte Folge der neoliberalen Revolution drohten die Staatsschulden ins Unermessliche zu wachsen und damit die westlichen Gesellschaften in die Katastrophe zu führen.“

„Ich hatte zwar schon mal davon gehört, aber mir war gar nicht klar, wie bedrohlich die Situation seinerzeit war. Hat denn niemand diese Entwicklung kommen sehen und etwas dagegen unternommen?“, wollte Aang wissen.

„Schon, aber auf die wurde lange nicht gehört. Und so verschärften die Unternehmen noch das Sparproblem, anstatt es zu lösen. Dabei bestand es doch offensichtlich aus einer gerade wegen des Sparens* zu geringen gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Diese Situation war in der Tat mehr als bedrohlich. Denn sparende Unternehmen, die den Staat aufgrund ihrer Macht gleichzeitig zum Zurückfahren der Staatsverschuldung drängen, bilden bei gegebener positiver Sparneigung der privaten Haushalte eine Konstellation, die aus logischen Gründen nicht möglich ist**. Unmöglichkeitsszenarien dieser Art sind jedoch geeignet, jedes System innerhalb kurzer Zeit kollabieren zu lassen.“

Warum es aus meiner Sicht aber schließlich nicht dazu kommen wird, könnt ihr gerne selbst nachlesen 😉

*) I = S: Wer die berühmte Formel verstehen will, der muss sich zwangsläufig in die Niederungen des Volkswirtschaftlichen Rechnungswesens begeben. Dabei kommt man leider nicht um ein paar Definitionen und Formalien herum. Die sind aber mit den vier Grundrechenarten leicht zu bewältigen (einen sehr guten Überblick zum Thema gibt übrigens Johannes Schmidt).

**) Finanzierungsüberschüsse des Unternehmenssektors entstehen, wenn die Unternehmen nicht ihr gesamtes verfügbares Einkommen dazu verwenden, Nettoinvestitionen zu tätigen, sondern über die Nettosachvermögensbildung hinausgehend Nettogeldvermögen bilden. Oder anders ausgedrückt: Die Unternehmen finanzieren in diesem Fall ihre Nettoinvestitionen vollständig durch ihre unverteilten Gewinne und haben darüber hinaus noch Mittel zur Geldanlage verfügbar. Wenn aber zusätzlich zu den privaten Haushalten – die üblicherweise ein Überschusssektor sind – auch der Unternehmenssektor positive Finanzierungssalden aufweist, muss dieses Finanzierungsplus beim Privatsektor mit einem entsprechenden Defizit des Staates und/oder des Auslands einhergehen.

In zwei Beiträgen auf Makroskop werden die Ursachen für das Problem mit den sparenden Unternehmen sehr gut erläutert und die gesellschaftlichen Folgen von Arroganz und Unwissenheit der Verantwortlichen beschrieben.

 

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